Organisations- und Familienstellen

 

„… die Schuld der Väter sucht die Kinder und Kindeskinder bis in die dritte und vierte Generation heim. „(Altes Testament, 2. Buch Mose, Kap. 34 Vers 7)

Diese Bibelstelle verstehe ich so, dass die Kinder für die Schuld und die Vergehen ihrer Eltern, Großeltern und Urgroßeltern einzustehen haben. Dies wirkt generationsübergreifend und unbewusst, was sich im Leben der Nachkommen als Leid oder Krankheit auswirkt.

Durch die Aufstellungsarbeit werden diese Verstrickungen, Unordnungen und generationsübergreifenden Zusammenhänge sichtbar.  Daher ist jede Aufstellung für mich einzigartig, weil sich genau die Verstrickungen und Verzerrungen zeigen, die jetzt, in diesem Moment an die Oberfläche drängen, wodurch sich ein großes Potential zur Heilung öffnet.

Bert & Sophie Hellinger, in deren Feld ich 7 Jahre eintauchen durfte, bin ich für das neue „geistige“ Familienstellen sehr dankbar, das mich zu einem ganz neuen Verständnis dieser Arbeit führte.  

Im Kontext meiner Arbeit mit Ihnen als Klienten stellt die Aufstellungsarbeit den Teil dar, der die unsichtbaren, systemischen Irreleitungen klärt und somit den Ordnungen der Liebe zum Durchbruch verhilft, ein grundlegender Aspekt für Ihren Heilungsprozess.

 

Wollen Sie tiefer in die Thematik einsteigen, lesen Sie nachfolgend die detaillierteren Strukturen der Ordnungen der Liebe und die verschiedenen Arten des Familienstellens:   

Grundordnungen der menschlichen Beziehungen

Bert Hellinger hat erforscht, dass die Liebe Ordnungen folgt, denen wir folgen müssen, damit unser Leben gelingt. Einige dieser Ordnungen sind uns wohl bekannt, zum Beispiel, dass in der Liebe ein Ausgleich zwischen Geben und Nehmen stattfinden sollte, damit die Beziehung fruchtet. Es ist uns bewusst, dass unsere Liebe darunter leidet, wenn dieser Ausgleich auf Dauer nicht gegeben ist.

Es gibt jedoch auch Ordnungen, die von uns nicht ohne weiteres erkannt werden, die verborgen geblieben sind. Bert Hellinger hat diese Ordnungen durch das Familienstellen aus dem Verborgenen zu Tage gefördert. Es verwundert nicht, dass die menschlichen Beziehungen zuweilen nicht zu gelingen scheinen, wenn wir gegen die uns nicht bewussten Ordnungen verstoßen.

Zuerst ist meist die Unordnung erkennbar, die uns Rat suchen lässt beim Therapeuten. Die Symptome werden bearbeitet, nicht jedoch die darunterliegenden Ursachen. Um zu diesen Ursachen vordringen zu können, ist es jedoch unbedingt erforderlich die Ordnungen der Liebe zu verstehen, die unabhängig von unseren Wünschen oder Ängsten bestehen und für uns erst durch ihre Folgen erfahrbar werden, wenn wir gegen sie verstoßen.

Diese Unordnungen werden bei Familienaufstellungen durch die Bewegungen der Stellvertreter offensichtlich, ebenso wie die Ordnungen, die wiederhergestellt werden müssen.

 

Recht auf Zugehörigkeit

Alle Mitglieder der Familie haben das gleiche Recht dazuzugehören. Sobald einem davon diese Zugehörigkeit verweigert oder abgesprochen wird, entsteht eine Unordnung mit weittragenden, oft schlimmen Folgen. Dieses Recht auf Zugehörigkeit besteht über den Tod hinaus.

Die schlimmste Form, wie einem Menschen das Recht auf Zugehörigkeit abgesprochen werden kann, ist Mord. Ohne den moralischen Zeigefinger erheben zu wollen, muss in diesem Zusammenhang festgestellt werden, dass die am weitesten verbreitete Weise dafür die Abtreibung ist. Wie auch immer die Umstände gewesen sein mögen, die zu diesen Taten geführt haben, so hinterlassen sie in der Seele der Täter und in den Seelen der Mütter, tiefe Narben und Folgen, die gesehen werden müssen, damit ein gutes Weitergehen möglich wird. Aber nicht nur die Täter sind davon betroffen, sondern auch die anderen Familienmitglieder.

Verheimlichten Kindern aus anderen Beziehungen wird ebenso das Recht auf Zugehörigkeit entzogen, wie verheimlichten abgetriebenen Kindern.

Auch die Heirat (sohin die Verbindung für das Leben) kann paradoxerweise zum Ausschluss aus dem Familienverband führen. Insbesondere, wenn zwei Menschen heiraten, die verschiedener Rasse, verschiedener Religionszugehörigkeit, verschiedenen Alters (jedoch oft nur dann, wenn die Frau erheblich älter ist als der Mann) oder auch gleichen Geschlechts sind. Es mag sein, dass solche auf Vorurteile fußende Ausschlüsse im Abnehmen begriffen sind. Aber selbst dann, wenn diese Annahme richtig sein sollte, so darf jedoch nicht verkannt werden, dass entsprechende Auffassungen in den letzten hundert Jahren weit verbreitet waren und sohin in unseren Familien nach wie vor präsent sind.

Aber auch der Wechsel des Glaubens kann solch weitreichende Folgen haben.

Wie viele schwer behinderte Kinder hat es schon gegeben, die weggeben, weggesperrt und totgeschwiegen wurden, weil sich die Mitglieder ihrer Familie ihrer geschämt haben.

Aber auch tot geborene Kinder, vorzeitig abgegangene Kinder gehören zur Familie und werden oft vergessen.

Die Grenzen der Familie können auch weitaus weitergezogen werden, als dies durch die Blutsverwandtschaft begründet ist. Beispielsweise können Arbeiter eines Familienunternehmens dazugehören, die bei der Arbeit tödlich verunglückt sind, insbesondere dann, wenn ihnen von der Unternehmerfamilie nicht die notwendige Achtung entgegengebracht wurde. Aber auch Zwangsarbeiter eines Unternehmens, die durch ihre unfreiwillige, nicht oder nicht angemessene Entlohnung einen Teil des Firmen- und Familienvermögens erwirtschaftet haben, gehören dazu.

Was hat das für Konsequenzen? Was sind die Folgen eines solchen Ausschlusses? Wie wirkt sich das für den Rest der Familie bzw. des Systems aus, wenn einem Mitglied die weitere Zugehörigkeit abgesprochen wird?

In gewisser Weise sorgt das System für sich selbst, das System ist letztlich nicht bereit sich mit dem Ausschluss abzufinden und versucht das ausgeschlossene oder vergessene Mitglied in das System wieder zurückzuholen. Damit dies jedoch gelingt, wird dieses ausgeschlossene oder vergessene Mitglied von einem anderen Mitglied der Familie, das noch nicht einmal geboren sein muss, repräsentiert. Dieses repräsentierende Mitglied fühlt sich ebenfalls vergessen oder ausgeschlossen. Es übernimmt unbewusst die Gefühle und die Symptome dessen, der vergessen oder ausgeschlossen wurde.

Diese Inbesitznahme eines Familienmitgliedes durch das kollektive Gewissen der Familie kommt bei der Aufstellung zum Vorschein, betritt die sichtbare Bühne des Systems und wird offensichtlich. Dadurch kann diese Dynamik aufgehoben und der Vergessene bzw. Ausgeschlossene wieder in das System zurückgeholt werden. Der, der derweilen für ihn in Besitz genommen worden ist, wird dadurch entlastet und kann sodann sein eigenes und nicht mehr fremd bestimmtes Leben führen.

Wer aus dem System für die Vertretung des Vergessenen oder Ausgeschlossenen in Anspruch genommen wird, kann man nicht sagen, es hat jedenfalls nichts mit Schuld oder Unschuld zu tun. Die größere Kraft, die das tut, hat jedenfalls die ganze Familie und nicht den Einzelnen im Auge. Diese Kraft will die Ordnung wiederherstellen und das, was der Mensch glaubte, trennen zu müssen, wieder zusammenführen.

 

Die Rangfolge in der Familie

Jeder nimmt in seiner Familie den ihm bestimmten Platz ein, der nur ihm zukommt. Wer früher ein Mitglied der Familie war, hat Vorrang vor denen, die nach ihm kamen. Das heißt, dass die Eltern vor den Kindern kommen, die Erstgeborenen vor den Zweitgeborenen usw.

Wenn nun eine später Geborener jemanden in der Familie, der vor ihm da war, seinen Platz streitig macht, hebt er sich damit über den, der vorher da war und maßt sich dadurch einen Rang an, der ihm der Ordnung nach nicht zusteht. Diese Anmaßung muss nicht subjektiv spürbar sein, es genügt, wenn es objektiv so war.

Wie oft kommt es vor, dass sich Kinder über Eltern erheben, oft in guter Absicht, weil sie für die Folgen einer Schuld ihrer Eltern (zum Beispiel die Nazivergangenheit) sühnen wollen?

Wie oft kommt es vor, dass die älteren Kinder bei der Hofübergabe übergangen worden sind?

Wie oft kommt es nach Scheidungen vor, dass der Sohn die Stelle des Vaters und Ehegatten einzunehmen versucht? Diese Liste ließe sich beliebig lange fortführen.

Kinder tun sich oft schwer damit, die angemaßte Rolle wieder aufzugeben, weil das würde ja bedeuten, dass wie wieder auf eigenen Beinen stehen müssten. Sie müssten dann ihr eigenes Ding machen. Doch es wäre dann ihr Eigenes. Auf der angemaßten Position sind sie jedoch zum Scheitern verurteilt und ihr Fall ist unausweichlich.

Deshalb sollten die Eltern bei der Trennung ihren Kindern offen oder zumindest für sich sagen:

„Wir als Paar haben uns entschieden, unseren Lebensweg getrennt voneinander fortzusetzten. Doch wir bleiben eure Eltern und ihr bleibt unsere lieben Kinder.“

Wohin gehören jedoch die Kinder nach der Scheidung? Zur Mutter oder zum Vater?

Bert Hellinger sagt hierzu folgendes: „Die Kinder müssen nach der Scheidung zu dem Elternteil, der in den Kindern den anderen Partner am meisten achtet.“

Dann können die Kinder wieder glücklich werden, denn sie lieben beide Elternteile so, wie sie sind.

 

Der Rang des Intimen

Die Kinder geht nichts an, was zu den Eltern und ihre Beziehung gehört. Die gilt umso mehr für Intimes aus derselben. Wer dies nicht beherzigt, bricht das Vertrauen gegenüber seinem Partner und die Beziehung. Das gilt jedoch nicht nur für das Verhältnis zwischen Eltern und Kindern, sondern gilt überhaupt für das Ausplaudern von Intimen.

„Das Intime muss für Außenstehende immer ein Geheimnis bleiben!“ sagt Bert Hellinger.

Wie oft kommt es vor, dass sich ein Partner gegenüber dem neuen Partner über die Intimität mit dem alten Partner auslässt? Wie oft wird Kindern erklärt, dass der Grund für den neuen Partner die mangelnde Bereitschaft des anderen Partners, die Sexualität voll auszukosten, gewesen sei. Die Gerichtsakten sind gefüllt mit Dingen, die besser intim geblieben wären. Für die Kinder sind solche Informationen ganz schlimm.

 

Der Vorrang bei der Scheidung

Aber was ist bei Scheidungen? Die Kinder fragen nach dem Grund. Man sagt, dass sie das nichts angehe. Die Elternbeziehung zu den Kindern wird mit der Scheidung ja nicht durchtrennt. Diese bleibt weiter aufrecht. Auch dann wenn die Kinder räumlich von einem Elternteil getrennt werden, und letzterem nur mehr ein Besuchsrecht zusteht.

Nach Bert Hellinger sollte man die Kinder nicht fragen, zu wem sie wollen. Damit müssen sie sich nämlich zwischen ihren Eltern entscheiden, für den einen oder den anderen.

Diese Frage haben die Eltern in Eigenverantwortung, gegebenenfalls unter Zuhilfenahme von außenstehenden fachkundigen Personen zu entscheiden. Sie teilen dann gemeinsam den Kindern die Entscheidung mit, wohin sie kommen. Und damit hat es sich. Die Kinder mögen vielleicht protestieren, aber innerlich sind sie frei und froh, dass sie sich nicht zwischen den Eltern entscheiden mussten. Diese Vorgangsweise wäre wünschenswert.

Bert Hellinger hat immer wieder festgestellt, dass Trennungen in der Regel unausweichlich sind und ohne Schuld geschehen. Wer nach einem Schuldigen sucht, tut so, als hätte es eine andere Lösung gegeben. Bert Hellinger sagt klar und deutlich, dass das nicht stimmt. Trennungen sind die Folge von Verstrickungen, in die ein jeder Partner auf besondere Weise eingebunden ist.

Aus diesem Grunde geht es beim Familienstellen nicht darum, jemanden die Schuld für das, was ist, zuzuweisen, sondern darum, sich dem Schmerz zu stellen, der durch die Trennung von dem, was einst so schön und verheißungsvoll begann, entsteht. Wenn sich die Partner diesem Schmerz stellen können, dann wird die Basis dafür geschaffen, dass sie wieder Frieden in ihren Seelen finden und auch bereit sind, auf den ehemaligen Partner „gut“ zu schauen. Das schafft dann auch eine Basis für eine für beide Partner zufriedenstellende Vermögensauseinandersetzung.

 

Die Rangfolge in Organisationen

Nur der Vollständigkeit halber darf ich kurz auf die Rangfolge in Organisationen eingehen. In diesen gibt es neben der Ursprungsordnung (wonach der, der zuerst im Unternehmen war, den Vorrang hat vor später Hinzugekommenen) auch eine Rangordnung nach der Funktion und nach der Leistung gibt.

Dies lässt sich am besten an einem Beispiel erläutern: In einer Klinik hat die Verwaltung den Vorrang vor den Ärzten, weil die Verwaltung durch ihre Arbeit die Existenz der Klinik erst ermöglicht und sichert. Erst der Verwaltung nachgeordnet kommen die Ärzte, das Pflegepersonal, das Hilfspersonal usw. Es herrscht sohin unter diesen Gruppen eine Rangordnung nach der Funktion. Daneben gilt für jede Gruppe die Ursprungsordnung. Wer also beispielsweise unter den Krankenschwestern schon länger dabei ist, als eine andere, steht daher in der Ursprungsordnung vor jener, die später dazugekommen ist. Dies verhält sich in jeder einzelnen nach der Funktion unterschiedenen Gruppe so.

Wenn nun ein neuer Chef in einer Gruppe bestellt wird, der vorher nicht in der Gruppe war und den anderen seiner Gruppe vorgesetzt wird, so mag er zwar Chef werden, jedoch ist er in der Ursprungsordnung der letzte, der dazugekommen ist. Er wird daher gut beraten sein, nicht ohne Rücksprache mit den anderen sprichwörtlich „wie ein neuer Besen, der gut kehrt“, in der Gruppe aufzuräumen. Er wird sinnvoller Weise sein Änderungsvorhaben mit seinen Mitarbeitern, die schon seit langem dem Unternehmen dienen, erörtern und deren Meinungen in seine Änderungsagenda miteinbeziehen. Damit wird der neue Chef seiner Gruppe einen Dienst erweisen, weil er seine Mitarbeiter mitnimmt und sie zu Verbündeten des angestrebten Erfolges macht. Die Letzten werden die Ersten sein. Dieses Sprichwort könnte sich in diesem Fall bewahrheiten.

 

Folgen der Verletzung der Rangordnungen

Die zuvor beschriebenen Rangordnungen werden jedoch immer wieder verletzt. In den meisten Fällen naturgemäß unbewusst. Die Folgen sind oft katastrophal und als todernst zu betrachten. Das im Einklang Sein mit diesen Ordnungen bzw. Verstöße gegen diese entscheiden über Leben und Tod des Einzelnen sowie über Erfolg oder Misserfolg eines Unternehmens.

In Familienaufstellungen können wir oft beobachten, wie Kinder zu einem Elternteil, den es aus welchen Gründen auch immer in den Tod zieht, in ihrer Seele sagen:

„Lieber ich als du!“

„Lieber bringe ich mich um, als du dich!“

„Lieber werde ich krank als du!“

„Lieber sterbe ich als du!“

„Lieber bezahle ich für dein Vergehen als du!“

Doch damit hilft das Kind niemandem. Die Eltern wären entsetzt, wenn sie wüssten, was sich da im Unbewussten ihrer Kinder abspielt, geschweige denn erwarten Eltern solche Bärendienste von ihren Kindern. Durch diese inneren Sätze stellt das Kind sich über die Eltern an die erste Stelle, sie überhöhen sich dadurch über ihre Eltern und maßen sich einen Rang an, der ihnen nicht zusteht. Der Teufel scheint seine Runden wieder zu ziehen.

 

Kinder lieben und wollen helfen

Für Kinder gibt es nichts Schöneres, als wenn die Eltern auch als Paar funktionieren.

Je kleiner Kinder sind, umso bessere Antennen scheinen sie zu haben, mit denen sie wahrnehmen, ob in einer Familie alles stimmig ist oder nicht. Aber auch mit fortschreitendem Alter bewahren sich Kinder meist noch dieses Gespür. Sie nehmen jede Art von Spannung im Verhältnis ihrer Eltern wahr, oft lange bevor den Eltern ihre gespannte Paarsituation zu Bewusstsein kommt.

Kinder sind der sichtbarste Ausdruck der Liebe zwischen zwei Menschen. Sie wollen meist das Nest, das ihre Eltern ihnen gebaut haben, selbst dann, wenn es höchst renovierungs-bedürftig und armselig erscheint, nicht verlassen. Ich habe oft den Eindruck, dass aus diesem Grund auch ihre Seelen bereit sind, für ihre Eltern alles zu tun, damit der Fortbestand dieses Nestes gewährleistet wird.

 

Ausgleich von Geben und Nehmen

Die Ordnung von Geben und Nehmen wird von uns über unser Gewissen wahrgenommen. Sie dient dem Austausch in unseren Beziehungen. Alle Bewegungen des Gewissens werden von uns als Schuld oder Unschuld gefühlt. Sobald wir von jemandem etwas nehmen oder bekommen, fühlen wir uns in seiner Schuld, ihm ebenfalls etwas Gleichwertiges zurückzugeben, um damit unsere Schuld zu begleichen. Sind wir unserer Verpflichtung nachgekommen, dann fühlen wir uns erlöst von unserer Schuld und wieder frei.

Wenn ich jemanden etwas gebe und er gleicht voll aus, dann ist unsere (Geschäfts)Beziehung vorbei. Es gibt zwischen uns beiden keinen weiteren Handlungsbedarf. Wenn mir jedoch mein Gegenüber für das, was ich ihm gegeben habe, zu wenig bezahlt hat, geht unsere Beziehung weiter. Ich erwarte mir von ihm noch den Rest und er fühlt sich noch in meiner Schuld. Erst, wenn der Rest bezahlt worden ist, kann jeder wieder seiner Wege gehen und wir sind voneinander frei.

Wenn der Ausgleich nicht erfolgt, habe ich das Gefühl betrogen worden zu sein und der andere wahrscheinlich ein schlechtes Gewissen. Hat er das nicht, so wird der Weg zum Gericht beschritten werden.

Aber was passiert in einer Beziehung, in der einer immer mehr gibt, als der andere zurückgeben will oder kann?

Was ist, wenn einer der Partner den anderen mit Liebe überhäuft, deren Ausmaß der andere gar nicht (er)tragen kann?

Dann geht die Balance zwischen Geben und Nehmen verloren, das Gleichgewicht wird zum Ungleichgewicht. Wie soll der andere das ausgleichen, wenn zu viel gegeben wurde, und er entweder nicht in der Lage ist auszugleichen, oder dazu gar nicht bereit ist? Die Überforderung des Beschenkten hat dann das Gegenteil zur Folge, was sich der Geber erhofft hat. Solche Paarbeziehungen sind zum Scheitern verurteilt.

Aber was ist, wenn einer von beiden behindert ist und deshalb nicht voll ausgleichen kann?

Die Fragestellung ist insofern nicht korrekt, als es auch hier einen Ausgleich gibt. Nämlich insofern, als der Behinderte einerseits ankerkennt, dass er mehr nehmen muss, als er zurückgeben kann und andererseits dem anderen von Herzen dankt. Auch der Dank dient dem Ausgleich.

Aber es gibt auch noch andere Beispiele, wo ein Ausgleich nicht möglich ist, wie beispielsweise in unserer Beziehung zu unseren Eltern oder unseren Ahnen. Wie sollten wir das Geschenk ausgleichen, dass wir von unseren Eltern bekommen haben, nämlich unser Leben?

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© Dr. Markus Seyrling